In den Bereichen Technologie, Medien, Lebensmittel und in entscheidenden Lieferketten wird eine wachsende Zahl von Märkten in Frankreich und Europa von einer Handvoll mächtiger Konzerne dominiert. Die Folgen reichen weit über die Wirtschaft hinaus. Machtkonzentration treibt die Preise in die Höhe, schränkt unsere Auswahlmöglichkeiten ein, beeinflusst die öffentliche Debatte, behindert Innovationen, schwächt die Macht von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und untergräbt damit die Freiheit, über unsere Zukunft mit zu entscheiden.
Und doch beginnt die öffentliche Debatte in Frankreich über die Folgen von Marktkonzentration gerade erst allmählich. Am 25. September 2026 haben wir deshalb mit dem Open Markets Institute Europe aus Brüssel und Observatoire des Multinationales aus Frankreich eine in ihrer Art bislang einzigartige Konferenz zu den Gefahren veranstaltet, die Marktkonzentration und strategische Abhängigkeiten für Wohlstand, Demokratie und Souveränität bedeuten. Und dazu, was wir dagegen tun können. Die Konferenz markiert den Auftakt für eine zivilgesellschaftliche Vernetzung gegen Marktkonzentration in Frankreich.
Zu den Referentinnen und Referenten unserer Konferenz gehörten Pascal Lamy (Paris Peace Forum, ehemaliger Chef der Welthandelsorganisation), Jonathan Kanter (ehemals Kartellabteilung des US-Justizministeriums unter Präsident Biden), Benoît Coeuré (Autorité de la concurrence), Laure de la Raudière (Arcep), Romain Laleix (Arcom), Lucie Castets (Bürgermeisterin des 12. Arrondissements), Antoinette Guhl (französischer Senat), Sophie Taille-Polian (Nationalversammlung), Cécilia Rikap (UCL) und Alberto Alemanno (HEC/Good Lobby).
Folgende Themen haben wir während der Konferenz behandelt:

Ein transatlantischer Austausch mit Barry Lynn und Alberto Alemanno
Barry Lynn, Direktor des Open Markets Institute, und Alberto Alemanno, Professor für EU-Recht an der HEC Universität in Paris, eröffneten die Diskussion mit einer grundlegenden Frage: Was geschieht mit der Demokratie, wenn Unternehmen so mächtig werden, dass sie die Entscheidungsfreiheit von Regierungen und Menschen einschränken können?
Alemanno warnte, dass Europa, das von amerikanischen Techkonzernen abhängig sei, die Bedrohung für seine Handlungsfähigkeit nur sehr zögerlich erkannt habe. Lynn zeichnete drei Phasen transatlantischer Annäherung in der Wettbewerbspolitik nach, von den frühen 1900er Jahren bis hin zur neoliberalen Wende, die es amerikanischen Unternehmen ermöglichte, die Informationssysteme Europas zu übernehmen.
Europa stehe nun vor einer Herausforderung an zwei Fronten, argumentierte Lynn: den amerikanischen Tech-Konzernen, die die Kontrolle über Informationen in ihren Händen bündeln, einerseits und Chinas industrieller Macht, die die europäische Produktion aushöhlt, andererseits. Sein Vorschlag für den Umgang damit: ein erneutes transatlantisches Bekenntnis zu einem einfachen Grundsatz: Kein Unternehmen, keine Regierung und kein Einzelner sollte die Herrschaft über andere ausüben.
Lynn prognostizierte, dass das Jahr 2028 eine politische Neuordnung in den USA mit sich bringen könnte, die mit der von 1912 vergleichbar wäre, und forderte Frankreich auf, die Erneuerung Europas anzuführen. 1912 wurde der Demokrat Woodrow Wilson zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.

Keynote des ehemaligen WTO-Generaldirektors Pascal Lamy
Der ehemalige WTO-Generaldirektor Pascal Lamy argumentierte, dass der Kapitalismus eine inhärente Tendenz zu Marktkonzentration aufweise – und dass künstliche Intelligenz diese Tendenz beschleunige, insbesondere auf den von amerikanischen und chinesischen Unternehmen dominierten digitalen Märkten.
Europas stabiler Rechtsrahmen stehe im Gegensatz zu den politischen Schwankungen in den USA, sagte er, während Trumps Bemühungen, die Digital- und Wettbewerbspolitik der EU grundlegend zu schwächen, bislang gescheitert seien.
Lamy warnte jedoch zugleich davor, dass wirtschaftliche Konzentration schnell zu politischer Macht werden könne. Vertikale Integration – beispielsweise wenn ein Medienkonzern Fernsehsender, Radiosender, Zeitungen und Verlage erwirbt – könne dazu führen, dass Marktmacht direkten Einfluss auf die öffentliche Meinung ausübe. Die Wettbewerbsbehörden hätten nicht genug unternommen, um dieser Gefahr entgegenzuwirken, argumentierte er.
Lamy forderte eine unabhängige europäische digitale Infrastruktur und forderte die europäische Linke dazu auf, ihre Analyse des Kapitalismus an eine Ära anzupassen, die durch die wachsende politische Macht von Milliardären, Monopolen und Unternehmensinteressen geprägt ist.

Podiumsdiskussion: Frankreichs Situation angesichts neuer Monopole
Auf dem ersten Podium unserer Veranstaltungen diskutierten die Panelist*innen, inwiefern die zunehmende wirtschaftliche Konzentration Wirtschaft, Souveränität und die Demokratie Europas bedroht.
- Benoît Cœuré, Präsident der französischen Wettbewerbsbehörde, warnte davor, dass digitale Ökosysteme Nutzer in Geiselhaft nehmen könnten und dass KI-Agenten die Wahlmöglichkeiten der Verbraucher einschränken könnte. Er forderte die Politik nachdrücklich auf, eine neue Balance zu schaffen in einer Situation, die bisher unternehmerische Freiheit begünstigt hat.
- Alberto Alemanno warnte davor, dass die Abhängigkeit von der Cloud und „epistemische Vereinnahmung“ – einschließlich der Finanzierung zahlreicher akademischer Forschungsprojekte durch Google – die demokratische Autonomie schwächen, und sprach sich gegen die europäische Deregulierungswelle (sogenannte „Simplification“) aus.
- Elvire Fabry, Direktorin am Jacques-Delors-Institut, und Celia Agostini, Direktorin bei „Cleantech for France“, wiesen auf Chinas Dominanz in den Lieferketten für Seltene Erden und saubere Technologien hin und forderten eine Wettbewerbspolitik mit einem längerfristigen Zeithorizont, die neben dem Preis auch Fragen von Resilienz berücksichtigt, sowie eine echte Bevorzugung von Produkten „Made in Europe.“
- Christina Volpin, Expertin für Wettbewerbspolitik bei der OECD, forderte verhältnismäßige Vorschriften und Regulierungen, eine frühzeitige Konsultation der Wettbewerbsbehörden bei der Politikgestaltung sowie eine Industriepolitik, die es den wettbewerbsfähigsten Akteuren ermöglicht, sich durchzusetzen, anstatt etablierte Unternehmen zu schützen.
Die Diskussionsteilnehmer waren sich uneinig darüber, ob Regulierung kleine und mittelständische Unternehmen belasten oder großen Unternehmen zugutekommen. Wettbewerbshüter Cœuré schloss mit der Forderung nach einer Industriepolitik auf EU-Ebene.
Podiumsdiskussion: Widerstand gegen die Vermachtung durch Big Tech und Künstliche Intelligenz (KI)
Europas Abhängigkeit von US-Tech-Konzernen ist nicht mehr nur eine wirtschaftliche Frage. Sie ist eine Frage der Souveränität. Da die US-Regierung diese Abhängigkeit nun als Druckmittel einsetzt, um die Möglichkeiten der EU einzuschränken, immer mächtigere amerikanische Unternehmen, darunter auch KI-Firmen, zu regulieren, steht Europa vor einer dringenden Frage: Wer wird letztlich die Regeln für seine digitale Zukunft festlegen?
- Martin Hullin, Leiter des Netzwerks Digitalisierung und Gemeinwohl bei der Bertelsmann Stiftung, erklärte, die EuroStack-Initiative sei eine Reaktion auf kritische Abhängigkeiten und kein Isolationismus, und forderte eine Wiederbelebung digitaler Gemeingüter. Die EuroStack-Initiative sieht den Aufbau einer eigenen, umfassenden digitalen Infrastruktur für Europa vor.
- Laure de la Raudière, Präsidentin der Arcep, sprach als nächstes auf dem Podium. Die ARCEP (Autorité de Régulation des Communications Électroniques, des Postes et de la Distribution de la Presse) ist die unabhängige Regulierungsbehörde in Frankreich, die für die Telekommunikationsnetze, den Postsektor und den Pressevertrieb zuständig ist. Vergleichbar ist sie mit der Bundesnetzagentur in Deutschland. De la Raudière verteidigte den Digital Markets Act (DMA) der EU als wichtiges Mittel zur Regulierung großer Techkonzere, forderte die Kommission auf, politischem Druck zu widerstehen, und warnte davor, Vereinfachung mit Regulierung gleichzusetzen. Außerdem forderte sie Vorschriften, die dem rasant wachsenden Energieverbrauch der Tech-Branche Rechnung tragen.
- Cécilia Rikap, Professorin am University College London, argumentierte, dass Cloud Computing die Grundlage aller digitalen Dienste sei und einigen wenigen Unternehmen die Kontrolle über Regierungen, Universitäten und andere Unternehmen verschaffe, und erklärte, Europa habe seine Chance verpasst, demokratische Alternativen aufzubauen.
Die Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass es darauf ankommt, wer die Technologie kontrolliert, und nicht darauf, wo sie hergestellt wird, und sprachen sich für eine Regulierung digitaler Systeme aus.
Podiumsdiskussion: Medienkonzentration
Die dritte Podiumsdiskussion befasste sich mit einem der deutlichsten Beispiele dafür, wie wirtschaftliche Macht zu politischer Macht wird: den Medien.
- Fabrice Fevrier, Co-Direktor der Beobachtungsstelle für Medien, stellte fest, dass Frankreich über keine systematische Medienpolitik verfüge – eine Lücke, die der Milliardär Vincent Bolloré durch den Kauf von in Schwierigkeiten geratenen Medienunternehmen ausnutzte.
- Sophie Taille-Polian, Vizepräsidentin des Ausschusses für kulturelle Angelegenheiten der französischen Nationalversammlung, zeichnete den Rückgang der öffentlichen Mittel unter aufeinanderfolgenden Regierungen nach und führte das „Journal du Dimanche“ als Beispiel für Medien an, die für einen Kulturkrieg instrumentalisiert werden.
- Romain Laleix, Mitglied des Kollegiums bei Arcom, forderte qualitative Pluralismusbewertungen bei der Fusionskontrolle, Obergrenzen für ausländische Beteiligungen, Vergütungen, wenn Plattformen Presseinhalte nutzen, sowie eine garantierte Finanzierung für kleine Medien.
- Christophe Leclercq, Gründer von Euractiv und Vorsitzender von Europe MediaLab, unterschied zwischen nationaler Konzentration und transnationaler Konsolidierung und sprach sich für „europäische Champions“ aus, um die digitale Souveränität zu stärken.
Keynote von Jonathan Kanter
In seiner Keynote argumentierte Jonathan Kanter, ehemaliger Leiter der Kartellabteilung des US-Justizministeriums, dass die Kartellpolitik mehr als nur eine Ansammlung von Fällen benötige: Sie brauche eine klar definierte Zielsetzung.
Preissenkungen und Verbraucherschutz seien zwar wichtig, argumentierte er, stellten jedoch keine umfassende Vision dar. Kanter stellte die Frage, warum eine freie und faire Wirtschaft wichtig sei, und kam zu dem Schluss, dass Wettbewerb, Demokratie und Freiheit Hand in Hand gingen.
Die Politik, so sagte er, müsse den Bedürfnissen der Öffentlichkeit dienen und nicht denen von Unternehmen oder Politiker*innen. Eine freie Gesellschaft erfordere nachhaltige Anstrengungen, um der natürlichen Tendenz konzentrierter Macht entgegenzuwirken, die Bedürfnisse der Menschen zu übergehen, und das bedeutet, über einzelne große Fälle hinauszuschauen.
Kanter sagte, Innovation müsse erhalten bleiben, doch der Mensch müsse an erster Stelle stehen. In einer vernetzten Welt müssten Regierungen die Interessen innerhalb ihrer Grenzen schützen und gleichzeitig Ideen entwickeln, die über diese Grenzen hinausgehen, um die Zusammenarbeit zu fördern.

Podiumsdiskussion: Lebensmittel – Wie lassen sich die Wertschöpfungsketten wieder ins Gleichgewicht bringen?
Ein gescheitertes Wirtschaftsmodell im Lebensmittelsektor hat sowohl Produzenten als auch Haushalte in Schwierigkeiten gebracht.
- Christophe Alliot, Mitbegründer von BASIC, erklärte, das nordamerikanische Modell mit niedrigen Preisen und Standardisierung spiele Landwirte weltweit gegeneinander aus, was zu Verschuldung und hohem Chemikalieneinsatz führe, während die scheinbare Auswahl in Supermärkten die Konzentration weiter oben in der Lieferkette verschleiere.
- Die Pariser Senatorin Antoinette Guhl, deren Ausschuss einen parteiübergreifenden Bericht vorgelegt hatte, erklärte, dass nur 25 % der Wertschöpfung bei den Erzeugern ankomme und dass die Händler räuberische Praktiken anwenden; sie fügte hinzu, dass die Anhörungen im Parlament unter Einschüchterungsversuchen stattfanden.
- Ulrich Müller, politischer Geschäftsführer von Rebalance Now, wies darauf hin, dass vier Unternehmen 90 % des deutschen Supermarktmarktes beherrschen, und forderte, Fusionen zu verhindern, marktbeherrschende Unternehmen aufzuteilen und Wettbewerbsinstrumente aggressiver einzusetzen.
- Nadia Ziane, Leiterin der Verbraucherabteilung beim Verband der ländlichen Familien, erklärte, die Preise für Obst und Gemüse seien innerhalb von zehn Jahren um 60 % gestiegen, und forderte die Wettbewerbsbehörde auf, die Gewinnspannen der Großhändler zu überprüfen. Sie schlug vor, 100 lebenswichtige Produkte zum Selbstkostenpreis zu verkaufen.

Podiumsdiskussion: Der Weg in die Zukunft? Reformen und Maßnahmen für wirtschaftliche Demokratie
Bei der abschließenden Podiumsdiskussion erörterten Experten die weitere Vorgehensweise gegen wirtschaftliche Machtkonzentration in Frankreich und Europa.
- Claire Lavin von Open Markets Institute Europe stellte die derzeit dominanten Argumente zugunsten größerer Unternehmenszusammenschlüsse in Frage. Sie erklärte, dass jüngste Studien der Kommission belegten, dass Fusionen weder zu Innovationen noch zu niedrigeren Preisen führten. Zudem warnte sie, dass die Vereinfachung im Rahmen der Omnibus-Pakete der EU große Unternehmen begünstige. Sie sprach sich nachdrücklich für eine europäische Präferenz bei der öffentlichen Auftragsvergabe aus und forderte Frankreich auf, seine Agenda zur Förderung nationaler Marktführer aufzugeben.
- Lucie Castets, Bürgermeisterin des 12. Arrondissements von Paris, argumentierte, die erste Frage sei, welche sozialen Bedürfnisse der Markt erfüllen könne, und forderte Unternehmen der gemischten Wirtschaft sowie die Beteiligung der Bürger an Entscheidungen.
- Chahin Faiq, Generalsekretär bei „Les Licoornes“, erklärte, mobiles Kapital lasse die Gemeinden zurück, und forderte die Behörden auf, Genossenschaften gegenüber privaten Investitionen den Vorzug zu geben. Er machte sich für eine Förderung von Genossenschaftsunternehmen stark.
- Nicolas Portier, Professor an der Sciences Po, erklärte, dass Oligopole aus fünf bis acht Unternehmen mittlerweile rund 60 % vieler französischer Branchen beherrschen, von Pflegeheimen bis hin zu Apothekenzulieferern. Er forderte eine verantwortungsvolle und transparente lokale Beschaffung sowie eine parlamentarische Debatte über die übermäßige Marktkonzentration.
