// News

Neue Studie warnt vor Machtkonzentration in Agrar-Lieferketten

von | 14.04.2026

Eine neue Studie von Rebalance Now und Misereor zeigt: Wenige Konzerne kontrollieren zunehmend die Agrar-Lieferketten. Das treibt Preise hoch, benachteiligt kleinere Betriebe in Europa und weltweit und begünstigt unfaire Handelspraktiken. Deshalb fordern die Herausgeber der Studie kartellrechtliche Reformen : Große Fusionen von Unternehmen müssen strenger geprüft und Regeln gegen unfaire Handelspraktiken aktualisiert und konsequent umgesetzt werden. Die Kartellbehörden müssen eine weitere Vermachtung der Lieferketten verhindern, gerade in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten.

Eine neue Studie von Rebalance Now gemeinsam mit Misereor beleuchtet die wachsende Marktkonzentration im Lebensmittel-Sektor. Auf vielen Stufen sind die Lieferketten stark konzentriert. Das fängt bereits bei den Produktionsmitteln an: Saatgut, Dünger und Landmaschinen stammen von wenigen Firmen. Auch in der Verarbeitung von Agrarprodukten geben große Unternehmen den Ton an, etwa bei Schlachthöfen (Tönnies) oder Molkereien (DMK/Arla-Fusion). Im Handel ist die Situation besonders gravierend: in Deutschland kontrollieren die vier großen Einzelhandelsketten Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz Gruppe (Lidl, Kaufland) über 87% des Marktes.

Damit prägen wenige Konzerne, was auf dem Feld, im Supermarktregal und auf unserem Teller landet. Demgegenüber haben Bäuerinnen und Bauern sowie Verbraucherinnen und Verbraucher wenig Verhandlungsmacht. Sie gehören deshalb zu den Leidtragenden der wachsenden Machtkonzentration.

> Hier die Studie kostenlos bestellen oder herunterladen

Die Vermachtung nimmt zu

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Konzentration in den Lebensmittel-Lieferketten weiter verschärft. Ein wichtiger Treiber sind Firmen-Übernahmen, mit denen die Unternehmen ihre Marktanteile ausbauen. Zuletzt gab Migros aus der Schweiz bekannt, sich aus dem Einzelhandel in Deutschland zurückzuziehen. Große Teile der Tochter tegut sollen an Edeka verkauft werden. Damit steigt die Konzentration weiter an und Lieferanten haben noch weniger Abnehmer, was ihre Verhandlungsposition weiter schwächt. Auch bei Molkereien, Lebensmittelherstellern und Getreidehändlern steigt die Dominanz weniger Konzernen durch Fusionen weiter an.

Die Studie geht auf mehrere Entwicklungen ein, die die Machtungleichgewichte in den Lieferketten zusätzlich verstärken:

  • Supermärkte und Discounter steigen verstärkt in die Lebensmittelproduktion ein (vertikale Integration).
  • Die Digitalisierung erfasst die Landwirtschaft und kann die Abhängigkeiten der Bäuerinnen und Bauern von Großkonzernen erhöhen.
  • Zunehmende geopolitische oder klimabedingte Schocks begünstigen Übergewinne durch marktmächtige Unternehmen und können in der Folge die Konzentration weiter antreiben.

Insgesamt geht die Studie davon aus, dass die Konzentrationstendenzen weiter zunehmen, wenn die Politik nicht gegensteuert. Dies ist angesichts der massiven negativen Folgen der Machtballung dringend erforderlich.

Gravierende Auswirkungen

Die Machtungleichgewichte führen zu höheren Preisaufschlägen für Verbraucherinnen und Verbraucher, während die Erlöse in der Landwirtschaft sinken. Dies hat zuletzt auch ein Sondergutachten der Monopolkommission gezeigt. Die Landwirtschaft leidet unter hohem Preisdruck und Unsicherheit. Kleine Produzierende haben es schwer, faire Preise und existenzsichernde Einkommen zu erzielen. Dies gilt nochmals stärker für den Globalen Süden. Schlechte Arbeitsbedingungen und unfaire Handelsbedingungen sind weit verbreitet. Der einseitige politische Einfluss der dominanten Unternehmen steigt, ebenso die ökologischen Folgekosten.

Kartellrecht: ein wichtiges Instrument mit Ausbaupotential

Um die Probleme in den Lieferketten einzudämmen, ist es zentral, eine weitere Monopolisierung zu verhindern und bestehende Konzentration wieder zu reduzieren. Die Studie untersucht dazu die Potentiale des Kartellrechts: dieses soll eine übermäßige Marktkonzentration und den Missbrauch von Marktmacht unterbinden. Das leisten das Kartellrecht und die zuständigen Kartellbehörden aktuell nicht ausreichend. Die Studie kritisiert unzureichende Analyse-Methoden, lange Verfahren und hohe Beweislasten sowie Lücken bei der internationalen Durchsetzung.

Empfehlungen für eine stärkere Machtbegrenzung

Deshalb brauche es ein stärkeres und besser durchgesetztes Kartellrecht. Zu den Empfehlungen gehören eine striktere Prüfungen von Fusionen, stärkere Regeln gegen unfaire Handelspraktiken, mehr strukturelle Maßnahmen wie die Aufspaltung marktbeherrschender Unternehmen und eine Stärkung der Kartellbehörden. Reformbedarf gibt es sowohl in Deutschland und der EU als auch im globalen Süden. Eine Stärkung der Fusionskontrolle in Europa und Deutschland und eine bessere Berücksichtigung der Effekte auf Bäuerinnen und Bauern sowie kleine Lebensmittelhersteller wären ein wesentliche Schritte. Dafür braucht es u.a. bessere Konzepte für Verhandlungsmacht und vertikale Effekte in Lieferketten.

tegut-Übernahme durch Edeka stoppen

Die geplante Übernahme von über 200 tegut-Filialen durch Edeka muss das Bundeskartellamt in diesem Zusammenhang untersagen. Der Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel ist bereits erheblich gestört. Lieferanten berichten von unlauteren Handelspraktiken und einseitigem Preisdruck in den Vertragsverhandlungen. Die Schere zwischen Erzeugerpreisen und Verbraucherpreisen geht auseinander. Die Marktanteile der vier dominanten Lebensmitteleinzelhändler Edeka, Rewe, Lidl und Aldi dürfen deshalb nicht weiter steigen.

Behörden und Politik müssen entschiedener gegen die wachsende Monopolisierung vorgehen. Die Ballung wirtschaftlicher Macht in Lieferketten für Lebensmittel ist ein grundlegendes Problem, das mehr öffentliche Aufmerksamkeit verdient. Nur eine Begrenzung der Machtfülle der großen Konzerne ermöglicht eine faire Verteilung der Wertschöpfung und ein resilientes und nachhaltiges Ernährungssystem.

 

Hier kostenlos bestellen oder herunterladen

 

Foto: Matheus Cenali, unsplash